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Warum 'technische Kommunikation' statt 'technische Dokumentation'?


Erst kämpften wir technischen Redakteure um ein einheitliches Berufsfeld und einheitliche Bezeichnungen wie "technischer Redakteur" und "technische Dokumentation". Warum soll jetzt mit Gewalt ein neuer Begriff her? Ganz einfach: Wir technischen Redakteure schreiben heute nicht nur Bedienungsanleitungen, sondern unterstützen die Kommunikation auf vielen technischen Gebieten.

Mein spezieller Arbeitsbereich ist, die Kommunikation zwischen technischem Spezialisten wie Entwicklern zu erleichtern. Gerade bei komplexen Investitionsgütern werden die Detailprobleme immer mehr und immer komplexer. Moderne Entwicklungswerkzeuge ermöglichen dem Einzelnen Projekte abzuwickeln, die früher nur in enger Arbeitsteilung möglich gewesen wären. Die Beschleunigung der Entwicklung, charkterisiert durch Schlagwörter wie Time to Market lässt diesen Spezialisten immer weniger Zeit zum Durchatmen und zum Dokumentieren. Oft genug gibt es für die einzelnen Spezialthemen in den Firmen nur noch jeweils einen einzigen Know-How-Träger, der den größten Teil seines Wissens ausschließlich in seinem Kopf herumträgt. Dies ist ein höchst gefährlicher Zustand – was soll passieren, wenn so ein Entwickler längerfristig krank wird oder die Firma verlässt? Schon ein Urlaub kann kräftig Steine ins Getriebe werfen.

Technischer Redakteur zum Aufbereiten von Entwicklungsdokumentation

Dokumentation ist in vielen Entwicklungsprojekten ein Stiefkind. Die Entwickler haben dafür weder Zeit noch Lust. Aber wer sonst soll Algorithmen oder Entwicklungsentscheidungen dokumentieren? Das können technische Redakteure mit einschlägiger Ausbildung und Erfahrung übernehmen.

Zwischen einem Entwickler und einem in das Entwicklerteam eingebetteten technischen Redakteur gibt es einige Gemeinsamkeiten, aber auch eine Reihe von Unterschieden:

  • Ein Entwickler ist mit seinen Aufgabenstellungen intim vertraut. Wenn er darüber redet, dann auf einem sehr abstrakten Niveau. Vor allem an die ganzen alltäglichen Detailprobleme denkt er überhaupt nicht mehr. Den ganzen Standardkram hat er schon längst im Kopf oder in seiner Workstation automatisiert.
  • Ein Entwickler sieht seine Aufgabenstellung von innen. Er denkt in Entwicklungsgeschichte, Detailentscheidungen und Fehlerumgehung. All das hat mit der von außen sichtbaren Funktion seines Projektes bestenfalls am Rande zu tun.
  • Beide, Entwickler und technischer Redakteur, sind nach einiger Zeit mit der Problematik vertraut. So können sie bei ihren Gesprächen vergleichsweise schnell zur Sache kommen.
  • Der technische Redakteur ist häufig genug der erste, der ein Projekt von außen betrachten kann. So kann er zwischen "zum Verständnis wichtig" und "für Andere irrelevant" unterscheiden, wozu der Entwickler häufig genug keine Chance hat.
  • Der technische Redakteur muss weit weniger tief in die Entwicklung einsteigen. Er kann sich deshalb schneller und in mehr Themen einarbeiten. Sehr schnell kommt er deshalb in die Position des Kommunikators innerhalb des Entwicklerteams. Oft genug wäre es deshalb sinnvoller, statt noch eines Entwicklers einen technischen Redakteur in das Projektteam zu entsenden. Ein neuer Entwickler verursacht erst mal nur Kommunikationsprobleme. Ein geeigneter technische Redakteur fängt sehr schnell an, Kommunikationshindernisse zu beseitigen.
  • Ein technischer Redakteur wird die Arbeit seiner Entwicklerkollegen oft nicht bis in die Details hinein nachvollziehen können. Das ist auch nicht seine Aufgabe. Aber mit dem nötigen fachlichen Hintergrund wird er die Aussagen der Entwickler auf Plausibilität und Vollständigkeit überprüfen können und sie mit eigenen Worten so wiedergeben, dass sie innerhalb der Arbeitsgruppe für jeden nachvollziehbar werden. Regelmäßig werden Entwickler und technischer Redakteur mehrere Iterationsschritte brauchen, bis sie sich auf eine Beschreibung einigen können. Die entsprechenden Verständnisprobleme gibt es so aber nur einmal. Wenn der aufbereitete Text dann für die Kollegen vergleichsweise trivial klingt, hat der technische Redakteur einen guten Job gemacht.
  • Der technische Redakteur innerhalb eines Entwicklerteams kann Zeitpläne entzerren helfen. Gegen Ende einer Entwicklung gibt es regelmäßig Stress, den dann auch noch die Kollegen von Marketing, technischer Dokumentation usw. erhöhen. Für alle diese externen Informationssenken kann der eingebettete technische Redakteur die erste Anlaufstelle sein. Die zentralen Nervenstränge der Entwicklung werden dabei nicht behelligt. Die Anwenderdokumentation kann weitgehend ohne Befragung der Entwickler entstehen, die Marketingleute verstehen die Entwickler in den meisten Fällen sowieso nicht.

Wie das mit einem eingebetteten technischen Redakteur funktioniert

Zwei Effekte sind ganz entscheidend: Der technische Redakteur muss von den Entwicklern als Gleicher akzeptiert werden und eine offene Kommunikationsstruktur verhindert, dass Wissen als Herrschaftsmittel gehortet wird. Der technische Redakteur soll ganz bewusst keine Entwicklerfunktion haben – das würde ihm die Perspektive von außen verderben, die zu seinen Alleinstellungsmerkmalen gehört. Aber er muss von Ausbildung und Erfahrung nahe genug dran sein, damit die Kommunikation laufen kann. Wenn jeder Entwickler erst mal stöhnt "jetzt muss ich schon wieder bei Adam und Eva anfangen", kommt es zu keiner Akzeptanz. Auf mittlere Sicht muss es für den Entwickler einfacher und angenehmer sein, den technischen Redakteur schlau zu machen, als selber die Dokumentation zu schreiben.

Bei meinem Arbeitsbereich, Investitionsgütern mit hohem Elektronik- und Softwareanteil, erfordert das eigene Entwicklererfahrung und zumindest eine Techniker-Ausbildung. Bei einem externen Dienstleister wie mir schadet es sicher nicht, wenn seine Ausbildung noch 1-2 Ebenen höher und seine Erfahrung extrem breit ist.

Ziemlich daneben ist die häufige Erwartung, der technische Redakteur müsse die jeweils benutzten Entwicklerwerkzeuge beherrschen. Das Erstellen guter technischer Texte erfordert eine andere Qualifikation und einen anderen Blickwinkel, als sie ein Entwickler hat. Beide Funktionen sind bestenfalls ausnahmsweise in einer Person zu vereinigen. Ausnahmen gelten höchstens dann, wenn Entwickler und Anwender eines Produktes mehr oder weniger identisch sind – etwa beim Entwickeln eines Programmiererwerkzeuges.

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Alexander von Obert * http://www.techwriter.de/thema/warumtec.htm
Letzte Änderung: 08.01.08 (Erstfassung)


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