itk-logo

 

Pearl PX-3720: IP-Kamera zum Schnäppchenpreis, aber...


Elektronische Kameras mit direktem Netzwerkanschluss blieben lange recht teuer – vor allem wenn sie eine Auflösung von mehr als 640x480 Pixel haben sollten und wetterfest sein mussten. Mit 119 EUR unterbietet Pearl bei weitem den bisherigen Markt. Leider muss man dafür einige unschöne Abkürzungen des Herstellers in Kauf nehmen.

Auspacken und Installieren der IP-Kamera PX-3720

Ganz Pearl-untypisch (siehe Internet-Radio Pearl PX-8570-675) steckt eine recht umfangreiche Bedienungsanleitung im Karton - aus gutem Grund. Die Stolpersteine sind auch so zahlreich:

  • Die CD enthält ein Programm, um die Kamera im lokalen Netz zu finden. Allein: Auf der CD ist ein RAR-Archiv. Mit 7-Zip bekam ich das gleich auf, aber längst nicht jeder schafft das.
  • Das Steuerprogramm für die Kamera, das als OCX-Control von der Kamera zum Internet-Explorer (IE) herunter geladen wird, lässt meinen IE8 unter Windows XP abstürzen. Das passiert reproduzierbar, sobald ich das Einstellmenü aufrufen will.
  • Das OCX-Control ist unsigniert, erfordert also das Abschalten diverser Sicherheitseinstellungen im IE.

Endergebnis: Ich benutze einen anderen Browser und muss auf diverse Funktionen verzichten.

Ein erster Eindruck

Verkleinertes Bild der IP-Kamera PX-3720 (Original durch Klicken auf das Bild öffnen) Verkleinertes Bild der IP-Kamera PX-3720 (Original durch Klicken auf das Bild öffnen)

Für 119 EUR kann man wirklich nicht mehr erwarten. Grenzen gibt es natürlich:

Anschluesse IP-Kamera px-3270
  • Der CMOS-Sensor hat systembedingt einen begrenzten Dynamikbereich. Im obigen Tagesbild ist die Wand rechts völlig überbelichtet; das ist Strukturputz, wie man weiter hinten im Schatten sehen kann.
  • Dieser begrenzte Dynamikbereich ist nachts besonders störend: Das Licht wird ja mit der 4. Potenz der Entfernung schwächer; erst nimmt die Helligkeit der Infrarot-LEDs mit dem Quadrat der Entfernung ab und dann das reflektierte Licht natürlich auch. Auf den beiden Bildern oben kann man das gut sehen. Das lässt sich ggf. durch zusätzliche Infrarot-Scheinwerfer kompensieren, die gezielt dunkle Ecken ausleuchten.
  • Die Kissenverzerrungen des Objektivs sind beträchtlich. Der Fensterrahmen im Bild ist leicht erkennbar gebogen und das fast in der Bildmitte.
  • Die Außenmontage der Kamera ist relativ schwierig: Zwar kommt hinten aus der Kamera ein einziges, etwa 60 cm langes und nur 6,5 mm dickes Kabel heraus. Aber am freien Ende sind diverse Anschussstecker angegossen, die eindeutig nicht wasserdicht sind. Allein der Netzwerkstecker hat eine Diagonale von 28 mm. Wenn das Kabel durch eine Wand soll, ist ein 40-mm-Durchbruch fällig. Bei heute üblichen Wanddicken samt Isolierung werden die 60 cm Kabellänge auch reichlich knapp. Die Alternative, das Kabel in der Kamera abzumontieren, ist grundsätzlich denkbar. Aber wenn ich an die filigranen Stecker und Anschlussdrähtchen in der Kamera denke, dann wird es mir anders. Also bleibt kaum eine andere Lösung, als einen wetterfesten Anschlusskasten neben die Kamera zu montieren, in den man die Kameraleitung von unten einführen kann.
  • Die Kamera braucht bei 12 V bis zu 2 A. Das ist natürlich der Infrarot-Beleuchtung geschuldet, macht die Stromversorgung aber nicht unbedingt einfach: Wer mit der Kamera sein Haus von außen überwachen will, muss einen 230V-Anschluss in der Nähe der Kamera haben. Vielleicht löse ich das Problem ganz anders und baue einen Schaltregler in die Kamera ein. Dann speise ich z.B. aus der Ferne 24 V ein und bei der Kameraelektronik kommen trotzdem immer 12 V an. Aber wer kann das schon...
  • Der offizielle Betriebsbereich von 0-55°C macht den dauerhaften Außeneinsatz in unserem Klima unmöglich. Kommerzielle Kameras, für ein Vielfaches des Preises, enthalten deshalb Heizungen. Vielleicht hilft, die Kamera im Winter ringsum einzupacken und ständig laufen zu lassen. Nachts, wenn es gewöhnlich am kältesten ist, sorgt die Infrarotbeleuchtung für deutlich mehr Wärme.

Warnung vor dem Öffnen der IP-Kamera PX-3720

Weiter unten beschreibe ich diverse Dinge, die das Öffnen der Kamera erfordern. Das sollte nur der wagen, der weiß was er da tut. Ich beschreibe meine Aktivitäten nach bestem Wissen und Gewissen. Aber Schadensersatz für irgendetwas werde ich nicht übernehmen.

  • Die Kamera ist hinten versiegelt. Spätestens wenn man sie da aufmacht, sind alle Gewährleistungsansprüche gegen Pearl den Bach runter.
  • Wer die Kamera auch im Winter einsetzen will muss wissen, dass warme Luft mehr Feuchtigkeit halten kann als kalte. Wer keine entsprechenden Maßnahmen ergreift muss nach dem Öffnen damit rechnen, dass im Winter das Fenster beschlägt. Das ist der gleiche Effekt, den man von älteren, undichten, Isolierglasfenstern her kennt. Wobei ich mir keineswegs sicher bin, dass der Hersteller die Kamera mit besonders getrockneter Luft gefüllt hat.
  • In der Kamera sind eine ganze Menge sehr dünner Drähte, die über extrem billige Stecker mit den Platinen verbunden sind. Wenn da was abreißt oder sich verbiegt, sind filigrane Lötarbeiten fällig.

Das Beschlagen des Fensters verhindern

Wenn im Winter das Fenster der IP-Kamera beschlägt, ist die Luft in der Kamera zu feucht. Das passiert leicht, wenn man die Kamera im Sommer geöffnet hatte. Das kann im Lauf der Zeit auch ganz einfach dadurch passieren, dass die Kamera nicht wirklich dicht ist.

Eine Lösung ist, die Kamera ggf. bei möglichst kaltem, klarem Wetter im warmen Zustand draußen zu öffnen und nach einiger Zeit wieder zu schließen. Eine Alternative ist, die Kieselgel-Päckchen aus diversen Geräteverpackungen zu sammeln, zu regenerieren und in die Kamera hinein zu legen. Die Kieselgel-Päckchen sind die Tütchen, die oft in den Plastiktüten der Originalverpackungen stecken und kleine Perlen enthalten. Zum Regenerieren muss man sie für z.B. 30 min in der Backröhre auf 60°C aufheizen.

Arbeiten in der IP-Kamera PX-3720

Es gibt mehrere Gründe, die Kamera zu öffnen – nicht nur Neugier. Bitte die Warungen oben beachten!

Das Dach abnehmen

Das Dach der Kamera hält nur durch die eigene Federspannung. Wenn man das Dach mit den Händen etwas auseinander drückt, lässt es sich leicht abnehmen. Mancher wird das Dach dann weiter vorne wieder aufsetzen und so als Schutzschild gegen die tief stehende Sonne oder Regen verwenden. Man kann es auch ganz abnehmen, wenn man die Kamera z.B. unter einem Dachvorsprung montiert. Kritisch sind nicht nur die Zeiten um Sonnenauf- und Untergang. Auch Richtung Süden kann es um die Wintersonnenwende knapp werden.

Für die weiteren Arbeiten ist es hilfreich, das Dach abzunehmen; man kommt ganz einfach leichter an alles heran.

Die Kamera hinten öffnen

Es gibt zwei Gründe, die Kamera hinten zu öffnen: Um eine SD-Karte einzusetzen oder um das Objektiv scharf stellen zu können. Beides ist übrigens laut Pearl-Hotline unmöglich.

  • Kamera von allen Anschlüssen trennen.
  • Am besten das Dach abnehmen; siehe oben.
  • Die beiden Siegel rechts und links an der Rückseite der Kamera entfernen. Spätestens damit ist die Gewährleistung futsch!
  • Die beiden Schrauben unter den Siegeln mit einem 2,5-mm-Sechskantschlüssel herausdrehen.
  • Den Deckel gaaaaanz vorsichtig abnehmen, da hängen dünne Kabel dran!

Der Zusammenbau funktioniert entsprechend. Siehe auch Abschnitt "Beschlagen" weiter oben.

Die IP-Kamera PX-3270 erkennt eingesetzte SD-Karten.

Micro-SD-Karte einsetzen

In der Anleitung gibt es zwar ein Kapitel SD-Karten-Info und in der Konfiguration gibt es auch eine Seite dazu. Aber sonst herrscht Totenstille zu diesem Thema. Der Grund ist einfach: Die Halterung für eine Micro-SD-Karte befindet sich im Innern der Kamera, ist also für den normalen Nutzer überhaupt nicht zugänglich.

Die Halterung befindet sich auf der Platine, die an der Rückwand der Kamera befestigt ist. Nach dem Entfernen der Rückwand kann man eine Micro-SD-Karte einschieben. Sie wird auch erkannt. Nur fand ich keine Möglichkeit, die Karte ohne Öffnen der Kamera auszulesen.

Siehe Abschnitt "Beschlagen" weiter oben. Kamera wieder zusammenbauen.

Warnung, 07.09.15: Die letzten zwei Jahre lief die Kamera recht brauchbar – zum Glück beschränkten sich die unangemeldeten Besucher in diese Zeit auf die Katzen der Nachbarn. Die Kamera verschickte ihre Bilder nicht nur per E-Mail, sie speicherte sie auch auf ihrer SD-Karte. Aber nach 16384 Bildern aber war Schluss, die Kamera stellte den Dienst ein. Auch mit Zurücksetzen der Kamera auf die Werkseinstellugnen und Formatieren der SD-Karte war nichts mehr zu retten. Das lag auch nicht daran, dass die SD-Karte vollgelaufen wäre: Gaaaaaanz langsam funktionierte die Bedienoberfläche noch und die meldete noch genügend Platz auf der SD-Karte.

Meine Vermutung ist eine andere: 16384 ist für die Binärtechnik eine gerade Zahl, nämlich 214. Ich kann mir gut vorstellen, dass bei dieser Gelegenheit ein Überlauf entstand, den kein Entwickler je gesehen hat. Kurz: Die Kamera ist gebrickt, also nur noch als Backstein (brick) zu gebrauchen.


IP-Kamera PX-3270 Frontseite offen

Den Fokus der Kamera verstellbar machen

Selbst bei den meisten Webcams kann man den Fokus einstellen, also das Bild scharf stellen. Das geht auch bei der IP-Kamera PX-3720, aber erst nach einer Vorbereitung: Das Objektiv ist fixiert, lässt sich also nicht verstellen. Diese Fixierung lässt sich so lösen:

  • Kamera von allen Anschlüssen trennen.
  • Fenster der Kamera abschrauben. Das geht wie bei einem Schraubglas.
  • Die vier Kreuzschlitzschrauben lösen, die die Platine mit dem Infrarot-LEDs im Gehäuse fixieren.
  • Die Platine gaaaanz vorsichtig herausnehmen. Da hängen relativ kurze, dünne Drähte dran!
  • Die eigentliche Kamera ist hinten an der eben entfernten Platine befestigt.
  • Oben auf der Kamera befindet sich eine Rändelschraube. Die muss mit einer Spitzzange o.ä. etwa eine halbe Umdrehung im Gegenuhrzeigersinn gedreht werden, bis sich das Objektiv von vorne drehen lässt.
  • Siehe Abschnitt "Beschlagen" weiter oben.
  • Platine wieder einbauen.
  • Weiter mit dem folgenden Kapitel.

Die Kamera scharf stellen

Die IP-Kamera PX-3720 muss einen physikalischen Spagat machen: Einerseits muss das Objektiv relativ groß sein, damit die Kamera leidlich lichtstark wird. Das reduziert die Schärfentiefe – also den Entfernungsbereich, in dem das Bild scharf ist. Andererseits hat die Kamera eine recht hohe Auflösung, was die Tiefenschärfe weiter reduziert. Das Ergebnis: In der Herstellereinstellung kann die Kamera nicht für alle Anwendungsfälle ein scharfes Bild liefern.

Also hilft nichts, die Kamera muss geöffnet werden:

  • Überlegen, ob das Bild am Tag oder in der Nacht optimal scharf sein soll und unter den entsprechenden Bedingungen einstellen. Der Hintergrund ist die Dispersion des Objektivs: Die Brennweite ändert sich mit der Wellenlänge. Nachts arbeitet die Kamera ja bewusst mit unsichtbarem, langwelligem Infrarot-Licht.
  • Kamera in Betrieb nehmen.
  • Computer so aufstellen, dass man von der Kamera aus das Bild gut sehen kann; oder sich von einer zweiten Person helfen lassen.
  • Fenster der Kamera abschrauben. Das geht wie bei einem Schraubglas.
  • Versuchen, das Objektiv zu drehen. Das wird im Normalfall nicht möglich sein. Dann muss man erst die Fixierung lösen.
  • Kamera durch Drehen des Objektivs scharf stellen.
  • Siehe Abschnitt "Beschlagen" weiter oben.
  • Kamera wieder zuschrauben.
TOP
Alexander von Obert * http://www.techwriter.de/beispiel/pearlpx-.htm
Letzte Änderung: 15.08.13/07.09.14 (Erstfassung, Warnung ergänzt und redaktionell erweitert)


Startseite
Suche

Praxisberichte

Kopfhörer Sennheiser PXC 250
USB-Tastatur Cherry RS 6500 USB 4D
Laptop Acer Travelmate 513T
Notebook HP nx6125 mit AMD Turion Prozessor
Digitalkamera Konica Minolta Dimage Z6
Navigationssystem Garmin GPSmap 60CSx - Erfahrungsbericht
Internetzugang mit dem SonyEricsson K600i
Internet-Radio Pearl PX-8570-675
Luftentfeuchter Trotec TTK 100 S
Pearl PX-3720: IP-Kamera zum Schnäppchenpreis, aber...
Pearl Powerbank PX-1627