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FTD: Technische Themen - der Autor hat's nicht kapiert


Eine kleine Handreichung zur Medienpädagogik

So gerne ich die Financial Times Deutschland lese: Häufig genug zeigen Artikel überaus deutlich, dass in der Redaktion der technische Sachverstand fehlt. Da werden wohl Pressemitteilungen unreflektiert abgeschrieben, anderes Material ungeprüft übernommen, oder ohne Sachverstand eine vorgegebene Zeilenzahl zusammengestoppelt.

Verständlich werden die folgenden Seiten nur im Zusammenhang mit dem jeweils am Anfang verlinkten Artikel. Die Links öffen die entsprechende Seite der FTD-Website in einem eigenen Fenster. Schließlich will ich urheberrechtlich sauber bleiben. Und urheberrechtlich geschützt sind diese Texte – schließlich sind sie kreative geistige Schöpfungen der Autoren, die mit dem Stand der Technik nur begrenzt etwas zu tun haben...

Hinweis: Einige der folgenden Artikel sind über die FTD-Website nicht mehr oder nur noch gegen Bezahlung zugänglich. Sorry, aber ich darf sie hier nicht anbieten.

(13) FTD, 009.03.11: Turbo-Glasfaser bricht alle Rekorde

Ein kurzer Abstecher in die Physik zeigt, dass die grundsätzlich mögliche Übertragungskapazität einer Glasfaser mit heutiger Technik bei weitem nicht auszureizen ist. Viel interessanter ist das Produkt aus Bandbreite und Länge der Leitung, das wesentlich durch Dispersionseffekte begrenzt wird. Anders ausgedrückt: Die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes in einer Glasfaser ist abhängig von der Farbe. Jede Informationsübertragung bedeutet aber, dass man eben nicht nur eine einzelne Farbe überträgt. Wenn man beispielsweise 1 Gbit/s übertragen will, benötigt man im Minimum einige 100 MHz Bandbreite.

Liest man dann den Artikel, so komt man zu einer, für den Fachmann trivialen, Erkenntnis: Es geht eben nicht um die Glasfaser, sondern um die Gerätschaften, die an der Glasfaser dran hängen. Der wirklich aufregende Teil der Nachricht geht in der Irrelevanz des Artikels fast unter: Da haben sich Wissenschaftler eine Methode einfallen lassen, den Sendelaser nicht einfach in einem festen Takt ein- und auszuschalten – also pro Takt nur ein Bit zu übertragen. Damit gehen sie einen ähnlichen Weg wie die Telefonmodems vor 20 Jahren: Bis 2400 bit/s konnten die Modems die Daten noch strikt im Gänsemarsch übertragen, mehr ging bei den üblichen 3,2 kHz Kanalbandbreite nicht. Erst als Übertragungsmethoden entwickelt wurden, in jedem der maximal möglichen 2400 Schritte/s mehrere Bit zu übertragen, stiegen die Übertragungsraten an bis 32 kbit/s.

Wer wirklich wissen will, was hinter der Meldung steht, kann das bei Heise Online nachlesen.

(12) FTD, 06.01.09: Navigationssysteme der Zukunft

Ich geb's ja zu: Die Redaktion der FTD wurde besser. Das halbe Jahr Pause zum letzten Fall ist kein Zufall. Aber so ganz kriegen sie die Technik-Artikel doch noch nicht auf die Reihe...

Zitat: Die Zeiten, in denen langsame Datenübertragungraten wie bei GSM und GPRS die High-Tech im Auto ausbremsen, sollen bald vorüber sein. ... Bisher müssen selbst mobile Systeme beim Internetzugang mit der vergleichweise langsamen Übertragungsgeschwindigkeit EDGE auskommen. Da hat sich der Redakteur in der Telekommunikations-Buchstabensuppe verirrt, siehe E-Plus Online Flat

  • GSM ist der bei uns marktbeherschende Handy-Standard.
  • GPRS war da erste Protokoll, mit dem man über das GSM-Netz Daten übertragen konnte – mit Modemgeschwindigkeit.
  • Auch EDGE überträgt die Daten über das GSM-Netz, allerdings deutlisch schneller. Damit stopfen die meisten Mobilfunk-Betreiber die Laufmaschen ihres UMTS-Netzes.

Dass Navigationsgeräte sich unterwegs per WLAN neue Daten besorgen, funktioniert höchstens von einem Parkplatz aus. Und dass Geschäftsleute vom Auto aus auf Internet-Telefonie zugreifen, ist auch weniger wahrscheinlich – ein passender Sprachtarif ist wohl nicht so teuer, dass da viele die prinzipbedingten Nachteile in Kauf nähmen.

(11) FTD, 04.07.08: Download wie am Schnürchen

Das kommt dabei raus, wenn man nicht richtig zuhört: 100 Gbit/s über eine Glasfaser zu schicken ist schon seit Jahren keine sonderliche Leistung mehr. Innerhalb von Sekunden findet man aber Texte wie diesen, die meinen Verdacht erhärten: Es geht darum, auf einer optischen Träger-Frequenz 100 Gbit/s zu übertragen – Stand der Technik sind 10 Gbit/s oder 40 Gbit/s. Nachdem 164 dieser Trägerfrequenzen (unterschiedliche "Farben") nebeneinander über die Glasfaser gehen, laufen 16,4 Tbit/s über die eine, dünne, Glasfaser.

Warum also der Hype um 100 Gbit/s? Eben weil es 100 Gbit/s auf einem Träger sind. Das bedingt, dass man das Signal elektrisch mit 100 Gbit/s aufbereiten muss und auch einen Modulator finden muss, mit dem man das Licht überhaupt so schnell modulieren kann. Zum Vergleich: Die aktuellen Prozessoren in unseren PCs arbeiten intern mit 2...4 GHz, also nur wenige Prozent von unseren 100 GHz oben. Nachdem Intel & Co höhere Frequenzen nicht so recht in den Griff bekamen, wichen sie auf mehrere parallele Rechenwerke aus.

(10) FTD, 15.05.08: Das Netz stößt an seine Grenzen

Mal abgesehen davon, dass dieses Thema so einen Bart hat, dass die Bartwickelmaschine schon lange quietscht: Da hat mal wieder jemand sich über ein technisches Thema ausgelassen, ohne das im Mindesten verstanden zu haben. Klären wir das mal auf:

Zitat: Galt das Internet bislang als nahezu unendlicher Raum, ist es damit nun vorbei: 85 Prozent aller Adressen sind vergeben, in wenigen Jahren könnte keine einzige mehr zur Verfügung stehen. Hier geht es um die Absender- und Empfängeradressen, mit denen das "Internet Protocol" die einzelnen Datenpakete durch das Internet schiebt. Diese Adressen sind 32 bit lang, d.h. es gibt 232 IP-Adressen. Jeder direkt mit dem Internet verbundene Rechner hat seine weitweit eindeutige IP-Adresse. Als normaler Nutzer bekommt man die automatisch und für die Dauer der Verbindung zugewiesen. Die Zwangstrennung bei den meisten ADSL-Dienstleistern hat ganz wesentlich die Aufgabe, dem Teilnehmer eine neue IP-Adresse zuzuordnen. So kann man feste IP-Adressen teuerer vermarkten.

Die Gründer des Internet waren der Meinung, so könne man jedem Menschen auf der Welt seine eigene IP-Adresse zuordnen und das werde ja wohl reichen. Sie konnten nicht ahnen, wie weit das Internet einmal in alle Bereiche eindringen würde. Zudem bekamen einige der Gründer reichliche Kontingente an IP-Adressen zugewiesen, etwa einige amerikanische Universitäten. Etwa HP erbte zu seinem eigenen, reichlichen, IP-Kontiongent auch noch das Kontingent von Compaq. Dadurch kommt es zu den beschriebenen Problemen.

Diese Knappheit ist seit Jahren absehbar und geistert schon entsprechend lange durch die Fachkreise. Die technische Lösung steht auch schon seit Jahren in den Startlöchern: Eine neue Version des Internet Protocol. Dort wurde nicht einfach das Adressfeld aufgebohrt, sondern einige Probleme grundsätzlich angegangen. Wer sich dafür näher interessiert, findet z.B. bei Wikipedia weitergehende Informationen.

Eine kurze Internet-Recherche mit "OECD IPv6" zeigt, dass da wohl eine Pressemitteilung über einen Workshop der OECD eine wahre Presselawine losgetreten hat – bis hin zur Abendzeitung. Mangels passender Kompetenz des Redakteurs ist der unbelastete Leser nach dem Lesen des Artikels so schlau wie vorher.

(8) FTD, 26.04.08: Die größten Herausforderungen der IT-Branche

Mal abgesehen davon, dass ich solche Artikelaufteilung sowieso hasse: Was problemlos auf 2-3 Seiten passte, wird hier auf acht Seiten mit häufig nur 1-2 Absätzen aufgeteilt. Was soll's, ich mache weiter meine langen Seiten hier bei techwriter.de...

Aber zum Thema: Die einzelnen Themen sollen "Herausforderungen" aufzeigen. Aber kaum einer der sieben Absätze (plus die Einleitung, um die Summe stimmig zu machen) ist handwerklich sauber:

  • Nie wieder laden: Da wird über Versuche berichtet, elektrische Geräte drahtlos mit Strom zu versorgen – das macht jede bessere elektrische Zahnbürste schon lange so. Im IT-Bereich ist hier das einschlägige Stichwort RFID. Aber was kommt hier? "Für Großverbraucher wie Laptops mit ihren Hochleistungsakkus ist diese Methode allerdings nicht geeignet."
  • Weniger tippen: Hier werden Versuche erwähnt, die Spracheingabe, Gesten oder Übersetzungsprogramme zu nutzen. Spracherkennungsprogramme gibt es schon lange, samt Möglichkeiten zur Programmsteuerung. Gesten sind spätestens seit der Spielekonsole WII ganz normal – nur das Übersetzen von Freitext ist noch ziemlich am Anfang. Spracheingabe sehe ich übrigens nur als Nischenanwendung: In einem größeren Büro wäre Spracheingabe doch der absolute Horror! Reicht doch schon, wenn der Kollege viel telefonieren muss.
  • Reden lassen: Abgesehen davon, dass hier nochmals auf Spracherkennung und maschineller Übersetzung herumgeritten wird: Aus einem Text sinnvolle Sprache zu machen, ist mittlerweile kein wirkliches Problem mehr.
  • Ewig speichern: Bereits heute sind etwa bei der Nasa wertvolle Datenbestände verloren, weil das letzte Lesegerät kaputtgegangen ist. Das ist ja wohl nur eine Frage des Aufwandes, wieder eines zu bauen. Das wirkliche Problem ist doch, dass die Millionen von Datenträgern nur begrenzte Lebensdauer haben. Wenn dort die Bits mal hinüber sind, holt die niemand mehr zurück. Magnetbänder werden spätestens nach drei Jahren unzuverlässig. Festplatten aus den 80er Jahren funktionieren mittlerweile wohl nur noch selten, weil sich die Luftfilter zersetzen und so Staub in die Gehäuse kommt.
  • Besser entwickeln: Durchaus richtig wird darauf hingewiesen, dass eine wesentliche Methode zum Erhöhen der Programmierer-Produktivität die Wiederverwendung von Modulen ist. Die Aussage Es fehlen allerdings bisher Werkzeuge, um den wiederverwendbaren Code schnell zu finden greift aber reichlich kurz. Da gibt es noch Stichwörter wie Entwurf, Projektmanagement, Test oder Verifikation.
  • Parallel denken: Richtig ist, dass moderne Mikroprozessor-Chips mehrere Rechnerkerne enthalten und bislang nur die wenigsten Programme ihre Aktivitäten in weitgehend selbständige, parallele, Handlungsfäden aufteilen können. Nur so ließen sich die Aufgaben sinnvoll auf mehrere Prozessorkerne verteilen. Die aktuellen "Dual-Core"-Prozessoren in den PCs haben in erster Linie den Vorteil, dass die Bedieneroberfläche seltener "einfriert", weil gerade ein Anwenderprogramm den Prozessor nicht freigibt. Die Original-Aussage ist aber nur Schwachsinn: Die neuesten Speicherchips können mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen... Nein! Speicherchips bekommen in rasender Geschwindigkeit mehr Kapazität, werden schneller und billiger. Aber Datenverarbeitung beherrschen sie nicht.
  • Geld verdienen: Hier wird darauf abgezielt, dass Einsparungen und Produktivitätsgewinne durch digitale Innovationen schwer zu beziffern seien. Jo mei, das war noch bei jeder extrem jungen Technik so. Da gibt es regelmäßig Innovationsschübe, die niemand vorhersehen kann. Wer wäre denn vor 20 Jahren die Idee gekommen, dass jemand auf der völlig ungeeigneten Handy-Tastatur Texte schreiben wollte? Mittlerweile führte das zu einer weit verbreiteten Genänderung – oder welcher 50-jährige kann in so einer affenartigen Geschwindigkeit mit zwei Daumen SMS schreiben? :-)

(6) FTD, 28.01.08: Leichter lasern

Warum kann ein Redakteur eigentlich nicht lesen, was der Hersteller in seiner Website an Basisinformationen preis gibt? Ist das Thema Laser so neu, dass man das Grundprinzip eines Lasers immer noch nicht kennen muss? Hätte ich dieses Arbeitsethos, wäre ich in meiner Branche schon lange unten durch.

Die Basisinformation des Artikels ist richtig: Bislang war der beliebteste Leistungslaser der CO2-Laser. In einer Röhre werden Kohlendioxid-Moleküle mit extrem hellem Licht angeregt ("gepumpt"). Diese Moleküle geben ihre überschüssige Energie in Form von Lichtquanten (Photonen) wieder von sich. Die Enden der Röhre sind exakt parallel ausgerichtet und verspiegelt. Wenn ein Photon darauf stößt, kann es in der Röhre hin- und herspringen. Den Effekt kann man ähnlich erzeugen, wenn man sich zwischen zwei mehr oder weniger parallele Spiegel stellt und sich mehrfach bewundern kann. Bei einem Laser kommen jetzt noch zwei Effekte dazu:

  • Wenn so ein Photon auf ein angeregtes Molekül stößt, "fällt" das in seinen Grundenergiezustand herunter und sendet deshalb auch ein Photon aus. Dieses Photon ist zusätzlich "in Phase" mit dem "Stein" des Anstoßes, so dass jetzt zwei Photonen miteinander fliegen. Das Ganze ist etwas verwickelt, weil ein Teil des Mechanismus mit der Teilcheneigenschaft der Photonen erklärt werden muss, während der Rest des Lasers dann mit der Welleneigenschaft des Photons arbeitet. Im Endeffekt entsteht in der Röhre eine einzige Welle, die sich verstärkt – ganz anders als etwa am Meeresstrand...
  • Einer der oben erwähnten Spiegel ist leicht "durchsichtig". Hier kann ein Teil der Welle austreten. Dieser Strahl hat einen relativ großen Querschnitt – irgendwo im cm-Bereich. Diesen Strahl kann man auf das Werkstück fokussieren, aber nicht vernünftig in eine Glasfaser einkoppeln. Deshalb braucht man die klobigen Strahlführungen, von denen im Artikel die Rede ist.

So viel zur bisherigen Technik. Was ist jetzt das Neue, das der Artikel eigentlich präsentieren will? Statt der Laserröhre des CO2-Lasers wird eine haarfeine Glasfaser eingesetzt. Der Laserstrahl entsteht darin und muss nicht erst eingekoppelt werden. Folglich kann man auf die wilden Spiegelsysteme der CO2-Technik verzichten und das Licht einfach in einem Schlauch um die Ecke führen. "Schlauch" muss übrigens sein: Wenn die Glasfaser mal brechen sollte, darf der Laserstrahl nicht unkontrolliert quer durch die Halle schießen. Denn die Steuerelektronik braucht auch ihre Zeit, den Strom der Laserdioden abzuschalten. Zum Zerstören von ein paar Netzhäuten würde das Aufblitzen problemlos reichen...

Was man, leicht unvollständig, in der Website des Entwicklers nachlesen kann, ist folgendes:

  • Laserdioden haben ganz ähnliche Probleme wie CO2-Laser: Die Austrittsfläche aus dem Kristall ist relativ groß und die Strahlqualität begrenzt. Man kann diesen Laserstrahl mit gutem Wirkungsgrad nur in eine relativ dicke Glasfaser, den "Pumpmantel" einkoppeln. Das macht aber nichts, weil man im Kern dieser dicken Glasfaser die oben erwähnte dünne Glasfaser einbettet und die im Licht des Halbleiterlasers badet.
  • So kann man die Atome in der dünnen Glasfaser pumpen und in der dünnen Glasfaser einen neuen Laserprozess in Gang setzen. Im Lauf von etwa 20 m Glasfaser koppelt man so erstaunlich effizient die Ausgangsleistung der Laserdiode in einen ganz dünnen, hochwertigen Laserstrahl ein, der praktischer Weise schon in einer Glasfaser steckt.

OK: In einem meiner letzten Aufträge habe ich mich mit Datenübertragung über Glasfasern beschäftigt. So Manches war mit deshalb nicht ganz fremd. Allerdings gab sich mein Kunde aus verschiedenen Gründen große Mühe, die Internsität des Laserstrahls in der Glasfaser auf ein paar Tausendstel Watt zu begrenzen. Von Materialbearbeitung war ich also weit entfernt. Den Rest dieses Textes habe ich dann innerhalb von 10 min recherchiert...

(4) FTD, 10.10.07: Wegbereiter des MP3-Spielers

Hier ließ die FTD zwar einen Profi ran, der hat aber auch geschludert: Welcher MP3-Player enthält eine Festplatte? Da sind heute fast ausschließlich Flash-Speicherchips drin. Es wäre auch zwanglos viel spektakulärer gegangen: Der Mann, dem Sie den Speicherplatz in Ihrem PC verdanken. Ohne den hier gewürdigten Riesenmagnetowiderstand hätten heutige Festplatten nur einen Bruchteil ihrer Kapazität. Laptops kämen wohl kaum über 20 oder 30 GB hinaus.

Natürlich ist es schwer, einen Grundlagenforscher in einem nicht-technischen Medium zu würdigen, in diesem Fall den diesjährigen Nobelpreisträger für Physik. Dann aber ausgerechnet ein Beispiel zu nutzen, die absolut untypisch ist...

(2) FTD, 16.09.07: Papier los

Im Vergleich zu (1) ist diese Besprechung schon fast ein Lob: Der Artikel beschreibt, wie Außendienstler mit einem PDA (Personal Digital Assistant, typische Schlagworte "Palm" und "Windows Mobile") viel Papierkram vermeiden können. Die Abläufe werden da wohl recht zutreffend geschildert, aber bei der Technik war das Wissen des Autors merklich dünn:

  • Wenn die Experten für den Betrieb von Tankstellen unterwegs sind, kommen sie mit einem einzigen Gerät aus, dem MDA IV. Hinter der Abkürzung verbirgt sich ein Mini-Notebook, mit dem Außendienstler telefonieren, fotografieren und Aufträge direkt an die Zentrale schicken können. Mal abgesehen davon, dass PDAs und Notebooks wohl allgemein anerkannt unterschiedliche Geräteklassen sind, ist "MDA IV" eine Modellbezeichnung. So eine Konstruktion führt bei mir schnell zum Geruch eines Marketingartikels.
  • Seitdem werden alle Vorgänge direkt beim Kunden in den MDA IV eingegeben, über die mobilen Netze GPRS und UMTS an die zuständigen internen Abteilungen geschickt und dort bearbeitet. Da hat der technische Unverstand mal wieder voll zugeschlagen, was dem Verständnis des Artikels deutlich schadet: GPRS ist ein Datenübertragungsprotokoll im herkömmlichen Handynetz (GSM). UMTS wiederum ist die modernere Alternative zu GSM. Später kommt dann die Erklärung dieser Verwirrung: Einer der Informanten wird später zitiert mit: "Die Verbreitung von UMTS lässt im ländlichen Raum sehr zu wünschen übrig. Beim weiter verbreiteten Funknetz GPRS stellt sich ein anderes Problem: Es wird schwierig, große Datenmengen zu übertragen." Das ist der Unterschied zwischen einem sorgfältig recherchierten Artikel und freier Rede.

(1) FTD, 10.09.07: Karstadt führt RFID-Technik ein

Dieser Artikel erschien unter der Rubrik Unternehmen: Handel + Dienstleister. Von daher erwarte ich hier keine technsichen Hintergründe, sondern die praktischen Auswirkungen einer neuen Technik auf das genannte Unternehmen. Das ging aber mal wieder gründlich schief:

  • ...setzt jetzt auch Karstadt die neue Radiofrequenz-Technik RFID im Verkauf ein. Da stehen einem gleich aus mehreren Gründen die Haare zu Berge: Das heißt auf Deutsch nicht Radiofrequenz (das wäre bestenfalls die Sendefrequenz eines bestimmten Senders), sondern Hochfrequenz. Von der Hochfrequenz bekommt der Käufer aber weder direkt noch indirekt etwas mit – zur Verkaufsförderung setzt man die Ladengestaltung oder von mir aus Gerüche ein.
  • RFID im Verkauf trifft es natürlich nicht: Es geht um die gesamte Logistikkette vom Hersteller bis zur Verkaufsfläche. Das ergibt sich aber nur implizit aus den Bemerkungen damit will der Konzern unter anderem die jährliche Inventur abschaffen und sieben Jeans-Hersteller hätten sich bereit erklärt, die Waren bereits vor der Anlieferung mit den Etiketten auszustatten.
  • Die Erwartungen an die neue Funktechnologie sind hoch: Ein winziger Computerchip mit Antenne wird in ein Etikett oder eine Plastikkarte integriert. Die beiden Aussagen sind per Doppelpunkt miteinander verbunden, aber haben nichts miteinander zu tun. Irgendjemand hat da einen Rucksack eingebaut weil ihm wohl auffiel, dass er RFID noch nicht erklärt hat. Ganz nebenbei steckt hier schon wieder eine falsche Übersetzung drin: -logie ist im Deutschen eine Lehre von, also z.B. Biologie. Was im Englischen als technology bezeichnet wird, ist auf Deutsch eine schlichte Technik. Technologie in dieser falschen Bedeutung ist mittlerweile natürlich weit verbreitet und vergleichsweise harmlos. Bei "Milliarde" ergibt sich dabei aber mal schnell ein Übersetzungsfehler von Faktor 1000 – wäre doch nett, wenn der nächste Urlaub nur 1 EUR kosten würde...
  • Auf dem Chip ist in der Regel ein Nummerncode gespeichert. Damit werden Informationen verschlüsselt, die in einer Datenbank hinterlegt sind. Da redet jemand von einer Technik, die er nicht verstanden hat: Hier geht es um die Kennzeichnung eines Datensatzes, im Fachjargon Key genannt. Verschlüsselt, also per krypografischer Methoden unverständlich gemacht, ist da garnichts.
  • So enthält jeder Gegenstand eine unverwechselbare Identität und kann jederzeit gefunden werden. Das ist auch wieder ein Kuddelmuttel: Natürlich bekommt jeder Artikel so eine Identität. Entscheidend ist aber, dass man das Lesegerät einfach an einen ganzen Karton voller Jeans halten kann und das Logistiksystem des Konzerns innerhalb von Sekunden weiß, wo sich diese 20 Jeans befinden. Baut man das Lesegerät z.B. auf einen Gabelstapler, lässt sich für jede einzelne Jeans jederzeit nachvollziehen, wann sie von wo nach wo transportiert wurde.
  • Ein heiß diskutiertes Thema im Zusammenhang mit RFID ist der Datenschutz. Auch da bleibt der Artikel in Halbheiten hängen: Wenn jemand ein RFID-gekennzeichnetes Kleidungsstück mit eindeutiger Kennung trägt, ist er jederzeit wieder identifizierbar – etwa mit einem RFID-Lesegerät an der Kasse. Ein RFID-Chip im Geldbeutel ist für den Händler besser als jede Kundenkarte.
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Alexander von Obert * http://www.techwriter.de/beispiel/ftdtechn.htm
Letzte Änderung: 10.02.11 (Beitrag 13 hinzugefügt)


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