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Die Möglichkeiten und Grenzen des Homematic-Funksystems


Wer sich auf ein Funksystem einlässt muss vorher wissen, dass Drahtverbindungen zuverlässiger sind. Das gilt auch für das Homematic-Funksystem, obwohl das erstaunlich gut funktioniert. Im Normalfall sind zwei Betondecken und ein paar Wände kein wirkliches Problem. Da wundert man sich schon, wie die Entwickler den Stromverbrauch so minimieren konnten. Wer übrigens Informationen zu den drahtgebundenen Homematic-Komponenten sucht, ist bei mir systembedingt an der falschen Adresse: Ich habe noch nie damit gearbeitet.

Systematische Grenzen des Homematic-Systems

Rechenleistung der Homematic-Zentrale CCU-1

Ein großer Engpass ist die Homematic-Zentrale CCU-1: Für ein flüssiges Arbeiten bräuchte sie um den Faktor 100 mehr Rechenlestung. Messwerte aus meiner Homematic-Installation mit gut 80 Komponenten:

  • Von Klick auf Geräte anlernen bis die Homematic-Zentralle CCU-1 beginnt entsprechend zu blinken: 3,5 min
  • Von Geräte/Einstellungen aus das Menue eines Wandtermostaten aufrufen: 20 s

Wenn man eine dieser Funktionen vor kurzem benutzt hat und sich an den entsprechenden Datenstrukturen zwischenzeitlich nichts geändert hat, geht es auch mal bedeutend schneller. Trotzdem sind diese Verzögerungen extrem nervig und machen die Pflege eines Homematic-Systems ausgesprochen langwierig: Das Temperaturprofil für einen Raum zu ändern ist unter 2 min kaum machbar. Dabei rede ich nicht von den Verzögerungen, bis die neuen Daten zu dem Funkkomponenten übertragen wurden; wegen der Stromsparmethoden kann dieser Teil nicht schneller ablaufen.

Man kann auch einen Windows-PC als Zentrale benutzen. Das mag schneller gehen und komfortabler sein. Nur will ich keinen Windows-PC ständig durchlaufen lassen - Stichworte Betriebssicherheit und Stromverbrauch. Wer 80 Komponenten für viel hält, sollte mal in Gedanken seine Wohnung durchgehen:

  • Jeder Lichtschalter sind zwei Komponenten: Der Taster oben drauf und der Schaltaktor unten drunter.
  • Für die Heizungssteuerung braucht man schnell 4-5 Komponenten pro Raum: Thermostat, Stellantrieb(e) für Heizkörper, Fensterkontakt(e) für Temperaturabsenkung
  • Für das Haustürlicht braucht man typisch drei Komponenten: Bewegungsmelder, Taster und Schaltaktor zum Ein- und Ausschalten des Lichts.
  • In Wohnzimmer oder Küche hat man schnell mal vier oder fünf getrennte Leuchten - fest installiertes Deckenlicht, Arbeitsplatzleuchten, Leselampen.
  • Dazu kommt diverser Kleinkram wie Bewegungsmelder, Außentemperaturfühler, Schalter für die Warmwasser-Umwälzpumpe usw.

Hinweis: ELV hat die CCU-1 mittlerweile durch die CCU-2 ersetzt. Ich habe noch keine, kann also nur nach den Informationen urteilen, die ich im Internet finden konnte:

  • Die CCU-2 hat bedeutend mehr Rechenleistung, aber wohl kaum um den von mir geforderten Faktor 100. Bei größeren Installationen (>100 Komponenten) ist wohl immer noch kein zügiges Arbeiten möglich. In Zeiten der Smartphones mit Mehrprozessor-Kernen mit Taktfrequenzen im GHz-Bereich ist das für mich unverständlich.
  • Zwei Änderungen wirken so zusammen, dass ich vermutlich nicht auf eine CCU-2 umsteigen werde: Die Notstromversorgung mit vier Mignon-Batterien ist entfallen und die Zentrale stellt jetzt sicher, dass sie gemäß den Vorschriften maximal 1% der Zeit sendet – also maximal 36 s pro Stunde. Wenn also mal kurz der Strom ausfällt ist es in größeren Installationen recht wahrscheinlich, dass das Hochfahren der gesamten Installation mehrere Stunden dauert.
  • Die CCU-2 ist mit 116 x 150 x 34 mm bedeutend kleiner als die CCU-1. Deshalb fürchte ich für die Funkeigenschaften das Schlimmste. Es ist ganz einfach kein Platz da, um die Antenne räumlich getrennt vom Prozessorsystem unterzubringen.

Funkreichweite der Homematic-Komponenten

Ich wohle in einem Reihenhaus mit 150 m2 Wohnfläche. Ohne spezielle Maßnahmen, wie ich sie hier ja beschreibe, könnte ich keine zentralisierte Homematic-Installation betreiben. Für eine vier-Zimmer-Wohnung dürfte ein Homematic-System problemlos funktionieren. Aber trotz funkmäßiger Optimierungen funktioniert mein System nur, weil ich diverse Komponenten immer wieder an anderen Standorten unterbrachte, bis alles lief.

Kapazität des Funkkanals

Bei Homematic mag das Problem weniger kritisch sein als beim Schwestersystem FS20 [1]: Durch die digitale Dividende des digitalen terrestischen Fernsehens (DVB-T) hat sich die Frequenznutzung rund um die 868 MHz des Homematic-Systems geändert: Während früher in der frequenzmäßigen Nähe nur Fernsehsender arbeiteten, arbeitet da jetzt der neue Kommunikationsstandard LTE – also die drahtlosen Internetzugänge speziell für diejenigen, die bislang keine ADSL-Zugänge bekommen konnten. Zwar sendet ein LTE-Modem mit viel geringerer Leistung als ein Fernsehsender. Dafür steht das LTE-Modem womöglich direkt neben der Homematic-Zentrale. Da sind also gute Selektion und Großsignalfestigkeit gefordert. Die Pendelempfänger des FS20-Systems sind damit eindeutig überfordert. Die Funkbriefmarke des Homematic-Systems ist da deutlich überzeugender.

Eines aber weiß ich: Die Sendefrequenzen der einzelnen Module streuen recht deutlich. Der 15 kHz breite Empfänger meines (auch bei 868 MHz empfangsfähigen) Handfunkgerätes kann eindeutig nicht den ganzen Verkehr meiner Installation aufnehmen. Konsequenz: Nur mit Glück kann man mehrere Systeme im 868-MHz-ISM-Band parallel betreiben, weil die Empfänger breit sind wie Scheunentore. Wer also außer Homematic noch andere Gerätschaften in diesem Frequenzbereich arbeiten lassen will, sollte vor allem auf zwei Dinge achten:

  • Die Sollfrequenzen sollten mehrere 100 kHz auseinander liegen.
  • Nach Möglichkeit sollten ausschließlich Systeme mit bidirektionaler Übertragung verwendet werden.

Letzteres sollte ich noch erläutern: Wenn ein Gerät nur einen Sender besitzt, muss es blind senden. Es kann also keine Rücksicht darauf nehmen, dass gerade ein anderes Gerät auf dem Kanal Daten überträgt. Häufig nehmen diese Systeme auch keinerlei Rücksicht darauf, dass die eigenen Daten aus genau dem gleichen Grund auch von anderen Einheiten gestört werden könnten. Ergebnis: Es gehen Daten verloren, ohne dass man das erst mal merkt oder gar kompensiert.

Ein ganz besonders dümmliches Beispiel aus dem ELV-Stall ist das Energiemonitoring-System EM 1010 PC: Die Sender senden alle 30 min und bis zu sechs davon können mit einem Monitor verbunden werden. Abhängig von der Genauigkeit ihrer Uhren ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich über Stunden bis Tage gegenseitig die Datenpakete zerhacken. Ganz nebenbei benutzt das EM-1010-PC-System den gleichen Funkkanal wie Homematic, hackt also da rein. Offensichtlich verwendet ELV hier das gleiche scheunenbreite Empfängermodul wie beim FS20-System, das mit LTE Probleme hat. Die Entwickler hätten beispielsweise für jeden Kanal ein anderes, zu den anderen Kanälen primes Zeitraster nutzen können: Kanal 1 sendet alle 5 min, Kanal 2 alle 7 min und Kanal 3 alle 11 min. Wenn man dann noch die jeweils letzten fünf Datenpakete überträgt, sollte da kaum noch was verloren gehen. Das mit einem passenden Stromsparsystem für den Empfänger zu verbinden erfordert etwas Gehirnschmalz und etwas Speicherplatz für den Programmcode - also nix wirklich Teueres...

Screenshot Fehlermeldungen

Wenn ein Thermostat mal zwischendurch nicht weitermeldet, dass in seinem Raum die Temperatur um 0,1°C stieg, dann ist das nicht weiter schlimm. Aber wer z.B. mit Homematic-Komponenten eine Alarmanlage bauen will, sieht das vermutlich bedeutend enger - zumal gerade die Fenster- und Türkontakte zu den hochfrequenzmäßig besonders kritischen Homematic-Komponenten gehören.

Durch seine bidirektionale Übertragung kann das Homematic-System solche Probleme erkennen und die Übertragung wiederholen. Nur können sich innerhalb einer größeren Homematic-Installation längst nicht alle Komponenten gegensitig hören. Dann sendet auch hier eine Komponente los und stört so die Datenübertragung zwischen zwei anderen Komponenten. Bei mir häufen sich mittlerweile die Servicemeldungen "Gerätekommunikation war gestört".

Funkkomponenten mit sehr schlechten Leistungen

Es gibt Komponenten des Homematic-Systems, die mit dem Rest nicht mithalten können – beispielsweise alles, was zu klein ist. Leider wurde eine ganze Reihe von Komponenten ganz offensichtlich ohne Hochfrequenz-Fachmann entwickelt. Es reicht leider nicht, die Antenne irgendwie ins Gehäuse zu stopfen, wie es wohl Digitaltechniker mehrfach getan haben. Diese Defizite lassen sich meist einfach beheben – um den Preis, dass die Antenne aus dem Gehäuse der Komponente heraus ragt. Eine passende Konstruktion vorausgesetzt, wäre das gelegentlich völlig unnötig. Aber sehen Sie sich meine Umbauanleitungen doch selber an – teilweise brauchen Sie dafür noch nicht mal einen Lötkolben. Das größte Problem ist wohl eher der passende Sechskant-Schraubendreher.

Funkkompontenten, die sehr schlecht erreichbar sind

Einige Homematic-Komponenten werden mit Knopfzellen betrieben und haben trotzdem Batterielebensdauern von mehreren Jahren, beispielsweise die Fensterkontakte. Dieser geringe Stromverbrauch lässt sich nur dadurch erreichen, dass diese Komponenten nur auf äußere Ereignisse hin reagieren und sonst im Tiefschlaf bleiben. Zu diesen äußeren Ereignissen gehört das Drücken einer Taste (Fernbedienung) oder das Öffnen eines Fensters (Fensterkontakt), nicht aber irgendwelche Funkaktivitäten. Die Zentrale kann diese Komponenten also nicht gezielt abfragen sondern muss warten, bis diese Komponenten sich von selber melden.

Statusangaben ohne Datum

Die Homematic-Zentrale nimmt deshalb beim Start bestimmte Zustände an – also etwa dass die Fenster alle zu sind. Das erkennt man in der Statusanzeige daran, dass ein Fenster als geschlossen angezeigt wird, die Statusangabe aber kein Datum und keine Uhrzeit trägt. Wer also Wert darauf legt, dass die Zentrale wirklich den Zustand aller Fenster kennt, muss nach dem Starten der Zentrale jede einzelne Fenster auf- bzw. zumachen.

Probleme, wenn die Homematic-Zentrale nicht alle Komponenten erreichen kann

Das hat drastische Folgen, sobald man eine Zentrale einsetzt: Einen Türkontakt an einem Thermostaten im gleichen Raum anzulernen funktioniert problemlos. Aber wehe, man lernt den Thermostaten anschließend an der Zentrale an: Der Thermostat übergibt dann die Verbindungsverwaltung an die Zentrale, die macht direkte Geräteverknüpfungen daraus. Darauf hin kracht es im Gebälk, wenn die Zentrale keine Verbindung z.B. mit dem Türkontakt aufnehmen kann – erkennbar an den Einfahrt verboten-Icons in der Liste der direkten Geräteverknüpfungen.

Erst scheint noch alles zu funktionieren. Aber irgendwann verlieren dann Komponenten ihre Verbindung zueinander und keiner kann sich erklären, woran das liegt. Ich lange auch nicht...

Literatur

]1] Hausautomatisationssystem ELV FS20: Probleme mit LTE-Routern
In: c't 26/12, S. 25 (redaktioneller Beitrag)
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Alexander von Obert * http://www.techwriter.de/beispiel/diemoegl.htm
Letzte Änderung: 01.09.13 (aktualisiert, 'CCU-2' eingefügt)


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